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  Die Waren
 


Einleitung

In früheren sozioökonomischen Studien ging man davon aus, dass der Straßenhandel hauptsächlich Nischenprodukte wie z.B. Kunsthandwerk oder Handarbeiten kommerzialisiert und weniger industriell gefertigten Produkte. Diese „nicht kapitalisierten“ Produkte wurden jedoch immer mehr von den „kapitalisierten“ Produkten verdrängt. So stehen die vom informellen Sektor angebotenen Waren heute in direkter Konkurrenz zu denen des formellen Sektors, was zu Widerstand bei legalen Geschäftsleuten führt (siehe >>> Politik und Verwaltung). Heutzutage gibt es in Rio de Janeiro wohl kein Produkt mehr, das man nicht auch bei einem Straßenhändler erwerben könnte, seien es legale oder illegalen Medien (CDs/DVDs), Elektronikartikel, Schmuck- und Accessoires, Nahrungs- und Genussmittel, Bekleidung sogar bis hin zu Gebrauchtwagen.

Verkäufer illegaler Waren, unlizenzierte Straßenhändler und Obdachlose

Die Straßenhändler Rio de Janeiros können grob in zweimal zwei Gruppen eingeteilt werden: Das sind Straßenhändler mit festen Ständen/Standorten oder mobile bzw. teilmobile Straßenhändler. Teilmobil soll soviel heißen wie immer fluchtbereit sollten Ordnungskräfte der Stadt auftauchen, aber für den Kunden dennoch immer am selben Standort anzutreffen („Camelô na correria“ = “rennende Straßenhändler“). Diese zwei Hauptgruppen teilen sich nochmals in durch Lizenzen der Stadtverwaltung tolerierte und illegale Straßenhändler (Definition siehe >>> Illegalität und >>> Politik und Verwaltung > Legitimation von Teilen des informellen Sektors). Im Falle von „offensichtlicher“ Piraterieware wie Musik, Filme oder Software erübrigt sich in der Regel die Möglichkeit des Erwerbs einer offiziellen Verkaufslizenz. Die Verkäufer dieser Produkte präsentieren ihre Waren entweder durch auf Drahtgitter geheftete Cover oder legen sie auf so genannten „Fallschirmen“ (paraquedas) aus. Die Paraqueda ist eine Plane mit zwei diagonal gespannten Schnüren („Reißleinen“), die sich im Gefahrenfall durch einfaches hochziehen in einen Sack verwandelt in den die Produkte hineinfallen und mit dem der Straßenhändler die Flucht ergreifen kann.

Neben Verkäufern illegaler Waren arbeiten im Zentrum auf diese oder ähnliche Weise auch viele Straßenhändler ohne Lizenz mit legalen und legal erworbenen Waren wie Süßigkeiten und Getränken (Einkauf meist in den Läden hinter dem Hauptbahnhof) oder Massenwaren (Nagelscheren, Haargummis etc. / Einkauf meist auf dem Großmarkt Madureira). Die besseren Absatz- und Verdienstmöglichkeiten im tagsüber belebten Zentrum lassen die Straßenhändler diese widrigen Arbeitsbedingungen auf sich nehmen, die regelmäßig zu kleineren Scharmützeln bis hin zu Straßenschlachten mit den Ordnungskräften führen (siehe >>> Politik und Verwaltung > Repression).  
 

Die Guarda Municipal vertreibt die unlizenzierten Straßenhändler

Als schwächste und kleinste Gruppe unter den Straßenhändlern sind die Obdachlosen zu nennen, die in Zentrumsnähe (Catete, Glória, Lapa siehe >>> interaktive Karte) jeden erdenklichen Krempel den sie auf der Straße finden Feil bieten, meist unbrauchbare Elektroteile, Kassetten, Schallplatten, altes Spielzeug und alte Kleidung. Auch gegen sie geht die Staatsgewalt recht rüde vor.

Nahrungsmittel und Getränke

Die vom Großteil der Straßenhändler meistverkauften Produkte sind Nahrungsmittel und Getränke. Snacks wie Hotdogs, X-Tudo (einer Art Hamburger), Churrasquinhos (Fleischspieße), Maiskolben und kalte Getränke werden an meist festen Ständen im gesamten Stadtgebiet verkauft insbesondere jedoch im Zentrum zu den Arbeitszeiten der Angestellten zwischen 9 und 19 Uhr. Dazu kommt noch Süßes wie Churros, Eiskrem und Kokosnuss oder Erdnüsse in Zuckermantel. Insbesondere im Zentrum sind die meisten Stände lizenziert (oder anderweitig geschützt durch Bestechung oder Kartelle), auf Grund des für die Zubereitung und Lagerung der Nahrungsmittel notwendigen schweren Equipments. Während die Händler abends in die Vororte nach Hause fahren bleiben Hotdogwagen und Burgergrill in angemieteten Depots.

 
 
Kokosnusswasserverkäufer
(Foto: Esther Arnold)

Nicht lizenziert arbeiten viele Nahrungsmittelverkäufer abends und nachts entweder in mobilen Imbisskleinbussen oder mit festen Ständen an Orten mit besonders ausgeprägtem Nachtleben wie beispielsweise dem Stadtteil Lapa. Hier kommt zusätzlich dem Verkauf alkoholischer Getränke eine große Bedeutung zu. Die Anzahl der Verkäufer, Zulassung der feilgebotenen Produkte (manchmal sogar deren Einkauf) und die Preise werden über Kartelle reguliert und kontrolliert. Preisbrecher werden abgestraft und rigoros ihres Platzes verwiesen. In den von Kartellen organisierten Verkaufszonen sind die Verkäufer oftmals nur Angestellte eines übergeordneten informellen Geschäftsmannes. Der Straßenhandel funktioniert auch hier über ein Depotsystem (depósitos).

An den Stränden sind die festen Stände (barracas) lizenziert, die meisten fliegenden Händler über Kartelle organisiert. Die Stadtverwaltung versucht aber seit kurzem auch Letztere durch ein Ausweissystem zu lizenzieren und damit zu kontrollieren (siehe >>> Politik und Verwaltung > Volksmärkte und Lizenzierung).

Die Straßenhändler die in Linienbusse zusteigen, verkaufen größtenteils Süßigkeiten oder kleine salzige Snacks die sie entweder auf dem Großmarkt in Madureira oder in den Geschäften hinter dem Hauptbahnhof einkaufen.

An sonstigen besonderen Events wie Fußballspielen, Konzerten, Karnevalsveranstaltungen oder sonstigen Festen gibt es noch unzählige unlizenzierte Eiskrem-, Snacks- aber vor allem Getränkehändler. Viele von ihnen gehen sogar regulärer Beschäftigung nach und verdienen sich zu diesen Gelegenheiten einen Extraverdienst.

 
 

Oben:Busverkäufer bereiten am Hauptbahnhof ihre Präsentierhaken vor
Unten: Ein Getränkeverkäufer beim Straßenkarneval
(Foto: Benjamin Bartels)


Wenn nicht anders durch Kartelle geregelt, kaufen die Straßenhändler die Frischprodukte wie Brötchen, Würstchen oder Fleisch in Geschäften oder Supermärkten in ihren Wohnorten. Abgepackte Waren wie Ketchup oder Pappgeschirr und Servietten werden auf dem Großmarkt in Madureira (siehe >>> interaktive Karte) eingekauft. Dasselbe trifft auf Getränke zu die meistens in Dosen oder verschlossenen Bechern angeboten werden. Stände mit großen Umsätzen oder Händler bei Veranstaltungen kaufen auf Grund des schwierigen Transports auch bei Getränkehändlern (depósitos) in ihrer Nähe ein, die jedoch meist teuerer sind.

Die Protagonisten des Dokumentarfilms Luciana (belegte Brötchen und Kaffee), Carlos Augusto als Busverkäufer (Süßigkeiten) und, außer zu besonderen Anlässen wie Muttertag oder Vorweihnachtszeit, Flávio (Im Sommer Obst / im Winter Süßigkeiten) gehören zu den Verkäufern dieser Produkte.

Elektronik

Sowohl in der formellen als auch in der informellen Wirtschaft gilt: Je größer der Wert der kommerzialisierten Ware desto höher das Investitionskapital und desto höher die Umsätze und Gewinne. Umso höher die Umsätze und Gewinne desto höher der organisatorische Grad.

Zu Elektronik zählen echte (oder perfekt gefälschte / siehe >>> Illegalität) Unterhaltungselektronik wie Musik- und Filmmedien, Software (hier hauptsächlich Videospiele), die dazugehörige Abspielhardware, Zubehör, teilweise Ersatzteile und sonstige Haushaltselektronik vom Wasserkocher bis zum elektrischen Dosenöffner. Da diese Produkte relativ teuer und empfindlich sind, können sie nicht „rennend“ (siehe > erstes Kapitel) von fliegenden Händlern angeboten werden (Ausnahmen sind hier CDs/DVDs), sondern benötigten feste geschützte Stände. Aus diesem Grund findet man die Elektronikhändler fast ausschließlich in dem von der Stadtverwaltung eingerichteten Straßenhändlermarkt „Camelôdromo“ („Straßenhändlerarena“) oder kleinerer ähnlichen Märkte hinter dem Hauptbahnhof, in Madureira oder Campo Grande. Da die Stände alle registriert sind kann man dort sogar problemlos mit Karte bezahlen.

Die elektronischen Produkte werden in den meisten Fällen wie vom normalen Einzelhandel auch im Großhandel eingekauft und in Lagerkapazitäten nahe den Verkaufspunkten zwischengelagert. Die Waren können jedoch von den Straßenverkäufern deutlich günstiger an den Endverbraucher weiterverkauft werden, da deutlich geringere Abgaben und Nebenkosten als für Ladenbesitzer anfallen (siehe >>> Politik und Verwaltung). Es existieren sicherlich auch Hehlerwaren, die werden aber meistens an anderen Orten verkauft.  
 

Das Camelôdromo im Zenrum Rios

Zu den Verkäufern von Unterhaltungselektronik ist auch Protagonist Alexandre zu zählen, der Schallplatten verkauft. Er nimmt jedoch eine Marktnische ein, da er eine an sich eher billige veraltete Ware erst durch seine Auswahl, Pflege und Verkaufsstrategie aufwertet und sie dadurch relativ teuer an eine wohlhabende kulturinteressierte Zielgruppe verkauft.

Pfennigware, Modeschmuck und Accessoires

Die Verkäufer von Alltagsmassenwaren wie Modeschmuck, Accessoires und kleinen Haushaltsbedarf (Scheren, Dosenöffner, Wäschekörbe etc.) stellen genau das Gegenteil der Elektronikhändler dar. Ihre Ware ist billig, ihre Umsätze gering und sie damit schutzlos. Daher verkaufen meistens die ärmsten Bevölkerungsschichten diese Art von Waren, die nur wenig Investitionskapital zu Verfügung haben. Sie müssen auch meistens „rennend“ Arbeiten und leiden am stärksten unter der staatlichen Repression. Die Waren kaufen diese Straßenhändler meist auf den Großmärkten wie in Madureira ein.

Auch Luciana verkaufte zunächst ausschließlich Modeschmuck. Die Umsätze waren jedoch so gering, dass es nicht für den Lebensunterhalt reichte. Sie war gezwungen neben diesem Geschäft, den Verkauf von Frühstück als zusätzliches Standbein zu etablieren. Luciana arbeitet geschützt, da sie Gebühren an die jeweiligen Einwohnervereinigungen bezahlt, wo die Märkte stattfinden.  
 
Zu besonderen Anlässen zählt auch Flávio zu den Verkäufern solcher Pfennigwaren meist asiatischer Herkunft wie im Dokumentarfilm, als zur Vorweihnachtszeit gedreht wurde und er Uhren mit Heiligenbildern an seinem Verkaufspunkt verkaufte.

Bekleidung und Schuhe

Bekleidung, wie die carioca (Einwohner Rios) „Tracht“ Hemd, Bermudashort und Flipflops aber auch Turnschuhe werden sowohl auf lizenzierten Ständen (barracas) als auch von fliegenden Händlern angeboten. Die meisten lizenzierten Stände befinden sich auf dem offiziellen Straßenhändlermarkt Camelôdromo im Zentrum, den noch günstigeren Kleidungsmärkten in Madureira und Campo Grande und den teuereren Touristenmärkten an der Strandpromenade in Copacabana oder der Praça General Osório in Ipanema.

Größte Nachfrage wegen des niedrigen Lohnniveaus der meisten Einwohner Rios besteht für günstige No-Name-Artikel oder gefälschte Markenware entweder asiatischer oder einheimischer Herkunft (siehe >>> Illegalität > Informalität im industriellen Sektor). Dazu komme die echten Markenprodukte die in Extraschichten illegal für den informellen Markt produziert wurden (siehe auch hier >>> Illegalität > Informalität im industriellen Sektor)  
 

Verkäufer günstiger Bekleidung