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Definition des informellen Sektors
Als informellen Sektor bezeichnet man den Teil einer Volkswirtschaft, dessen Beschäftigte und Unternehmer oder deren Arbeitsverhältnis bei den Behörden nicht registriert sind und sie sich so staatlicher Kontrolle oder Regulierung entziehen. Der überwiegend kleinbetrieblich oder in (Schein)Selbstständigkeit organisierte informelle Sektor zahlt keine direkten Steuern oder Sozialabgaben und verfügt dadurch auch über keinen staatsrechtlichen Schutz.
Problematik beim Erstellen von Statistiken
Überall auf der Welt ist es sehr schwer genaue Statistiken über die Ausmaße des informellen Sektors zu ermitteln, da die Betroffenen in wohlhabenden Ländern zum einen schwer zu finden sind, und die Beschäftigten des informellen Sektors insgesamt zu ihrem eigenen Schutz meist zu ihrer Tätigkeit schweigen.
In Brasilien hat man das Problem längst erkannt, Methodologien entwickelt und findet beim dortigen statistischen Bundesamt (IBGE) und anderen staatlichen Stellen sehr gute und ständig aktualisierte Statistiken über den urbanen informellen Sektor. Dahingegen wird die Informalität in den wohlhabenden Ländern kaum oder gar nicht beachtet.
Ein Grund hierfür ist sicherlich, dass die informellen Aktivitäten in entwickelten Ländern wegen der strikteren staatlichen Kontrollen stärker im Verborgenen stattfinden und man deshalb andere Methoden braucht um zu brauchbaren statistischen Ergebnissen zu kommen. Einer der Wirtschaftsprofessoren der eine in akademischen Kreisen anerkannte Methodik für entwickelte Volkswirtschaften erarbeitet hat ist der österreichische Wirtschaftsprofessor Dr. Friedrich Schneider von der Universität Linz. Er errechnet über Indikatoren wie Bargeldverkehr und Stromverbrauch den Anteil der Schattenwirtschaft an der Gesamtwirtschaftsleistung.
Bedeutung und regionale Ausprägung informeller Sektoren in der Welt
Die Staaten mit den am stärksten ausgeprägten informellen Ökonomien sind die Länder der Dritten Welt. Hauptfaktoren sind ein zu gering entwickelter industrieller Sektor und generell veraltete Wirtschaftsstrukturen, die nicht in der Lage sind annähernd so viele formelle Arbeitsplätze zu schaffen wie benötigt würden. Schätzungen der UN International Labour Organisation gehen davon aus, das der Anteil des im urbanen informellen Sektors Beschäftigten weltweit zwischen 20% und 70% schwankt. So sind beispielsweise in Kumasi, Ghanas zweitgrößter Stadt, 70% aller Beschäftigten informell tätig. Tansania erwirtschaftet rund 58% seines gesamten BIP im informellen Sektor. Dasselbe Bild finden wir auch den meisten Ländern Asiens und Lateinamerikas. Mehr als die Hälfte der thailändischen volkswirtschaftlichen Leistung erbringen nicht registrierte, ungeschützte Arbeitskräfte.
Von vielen Ökonomen ignoriert, wächst der informelle Sektor aber auch in den entwickelten Volkswirtschaften. In Deutschland werden jährlich etwa 17% des BIP, was 350 Milliarden Euro entspricht, durch Schwarzarbeit erwirtschaftet. In Italien sind es 27,8% in Kanada 14%, und selbst im hoch technologisierten Japan macht der informelle Sektor 24% aus. Selbst in der größten Volkswirtschaft der Welt, den USA, geht man von einem Anteil von mindestens 9% aus.
Formen der Informalität
Selbstverständlich unterscheidet sich die Form in der informelle Aktivitäten auftreten. Das hängt in erster Linie vom Grad der wirtschaftlichen Organisation und Entwicklung ab. In vielen Ländern kommen auch noch soziokulturelle Umstände hinzu die ihr Erscheinungsbild prägen (z.B. Diskriminierung ethnischer Minderheiten, Kastenwesen).
Während die Informalität im Baugewerbe und in häuslichen Dienstleistungen (Kosmetik, Haushalt, Reinigung) in der gesamten Welt einen bedeutenden Anteil ausmacht, spielt der Handel oder speziell der Straßenhandel fast nur in unterwickelten Staaten eine wichtige Rolle. Als Ausnahme ist hier der (informelle) Internethandel zu sehen, der in den entwickelten Ländern wie auch in den Schwellenländern zunimmt.
Immigranten und Schattenwirtschaft
Insbesondere in der Baubranche und den Reinigungsdienstleistungen ist in den reichen Ländern ist eine starke Präsenz von Immigranten zu sehen. Gerade illegalen Ausländer bleibt gar nichts anderes als die informelle Wirtschaft übrig. In den USA geht man von 18-20 Millionen illegalen Einwanderern meist lateinamerikanischer Herkunft aus, die in der US-amerikanischen Schattenwirtschaft zum größten Teil als Nanny, Gärtner oder Erntehelfer ihren Lebensunterhalt verdienen.
Informalität in Deutschland
In Deutschland wird der größte Teil der Schwarzarbeit als Nebenerwerb ausgeführt, wie der Fliesenleger der am Samstag noch zusätzlich für „Bar auf die Kralle“ arbeitet. Schneider geht hier von 21 Millionen Halbtagsschwarzarbeitern oder 42 Millionen mit 10 Stunden die Woche aus. Aber gerade am Beispiel des Fliesenlegers wird deutlich wie auch in Deutschland informelle und formelle Wirtschaft miteinander verschmelzen und eigentlich nicht getrennt von einander betrachtet werden können. Der schwarzarbeitende Handwerker kauft sein Baumaterial und sein Werkzeug im Heimwerkermarkt. Er zahlt Bar damit seine Ausgaben nicht nachverfolgt werden können und entrichtet dabei Mehrwertsteuer. Sein Geld wechselt sozusagen den Sektor. Der Heimwerkermarkt leistet auch von diesem Geld Steuern, Mieten und Sozialabgaben für sein Personal, sein Umsatz und damit die gesamte volkswirtschaftliche Wertschöpfung werden durch informellen Sektor erhöht.
Die Bundesregierung hat erkannt, dass sich der Staatssäckel über die Mehrwertssteuer auch auf Kosten des informellen Sektors aufbessern lassen kann. Dies wird jedoch, sollte gleichzeitig das Lohnniveau weiter sinken, eher noch mehr Menschen in die Informalität führen, da die MwSt. auch die Konsumkraft der formellen Arbeiter senkt.
Ursachen von Informalität
Dualismustheorie
Ursprünglich ging man anhand der Dualismustheorie davon aus, der informelle Sektor sei eine vorübergehende Erscheinung, eine Übergangsstufe von traditionellen Wirtschaftsformen zu einer modernen, formellen Ökonomie. Mit zunehmendem Grad an Entwicklung würde auch der informelle Sektor verschwinden. Diese Theorie gilt allgemein hin als widerlegt.
Neoliberalismustheorie
In der Neoliberalismustheorie liegen die Ursachen für die Bildung und das Wachstum eines informellen Sektors in der Über- und Fehlregulierung des formellen Sektors durch den Staat. Hiernach gilt also die Regel: Je regulierter der Markt, desto höher die Barriere für den Eingliederung informeller Aktivitäten in die formale Ökonomie. Es trifft de facto insbesondere für die meisten Entwicklungsländer zu, dass komplizierte Bestimmungen und Gesetze sowie hohe Steuern und Sozialabgaben vielen hauptsächlich kleine Unternehmern und Selbstständigen gar keine Möglichkeiten lassen formell zu produzieren oder Dienstleistungen anzubieten (siehe Clip > Ursachen der Informalität / Interview mit Lúcio Costa, Direktor des Ordnungsamtes der Stadt Rio de Janeiro).
Daher argumentieren auch in den westlichen sozialen Marktwirtschaften Verfechter dieser Theorie den Rückzug des Staates aus der Ökonomie. Jedoch wird bei Marktliberalismus oft außer Acht gelassen, dass der informelle Sektor sich zum größten Teil aus der Masse wegrationalisierter Arbeitskräfte formiert, die wegen der Notwendigkeit der Gewinnmaximierung der Betriebe erwerbslos wurden. Wie stark dieses Arbeiterheer dann vom informellen Sektor absorbiert wird liegt dann an der Qualität des staatlichen sozialen Netzes. Daraus kann man schlussfolgern, dass mit dem Abbau der Sozialsysteme informelle Aktivitäten zwangsläufig zunehmen. Zudem ignoriert sowohl Dualismustheorie, wie auch die Neoliberalismustheorie, weitestgehend die Verquickung zwischen formeller und informaler Ökonomie sowie den Aspekt der Illegalität (siehe >>> Illegalität > Verflechtung des formellen mit dem informellen Handel > Informalität im industriellen Sektor)
Institutionalismustheorie
Die Institutionalismus Theorie basiert auf der Neoliberalismustheorie und ergänzt die Ursachen dieser Fehlentwicklung. Zum einen würden viele Betriebe wegen unzureichender Informationen über staatliche Verordnungen unabsichtlich informell agieren, zum andere fehlen dem Staat die Mittel um die Einhaltung der Gesetze zu kontrollieren. (siehe Clip > Ursachen der Informalität )
Theorie der strukturellen Heterogenität
Hartmut Elsenhaus erkennt in seiner Theorie der strukturellen Heterogenität die Problematik der Einstiegsbarrieren in die formelle Wirtschaft an, sieht diese jedoch als politisch gewollt an. Nach seiner Auffassung schützt ein schon etabliertes formellaktives Unternehmertum seine Marktstellung, in dem er den Eintritt möglicher Konkurrenz durch Einflussnahme auf die Politik (Lobbyismus) erschwert. Obwohl wahrscheinlich, ist dieser Ansatz nur schwer zu belegen.
Rationalismustheorie
Als letzte der fünf wichtigsten Theorien zu den Ursachen von Informalität ist die Rationalismus Theorie zu nennen. Hier geht man davon aus, dass sowohl Unternehmer als auch Selbstständige aus einer rationalen Kosten-Nutzen-Abwägung heraus entscheiden wie sehr sie sich staatlicher Regulierung unterordnen. Dafür spricht, dass die meisten Beschäftigten des informellen Sektors in ihrem Berufsleben mehrfach zwischen formeller und informeller Tätigkeit wechselten.
Im Dokumentarfilm Camelô sind das sowohl Flávio und Alexandre, die bevor sie begannen als Straßenhändler zu arbeiten in formellen Beschäftigungsverhältnissen standen (Koch/ Hausmeistergehilfe). Luciana und Carlos Augusto entschieden sich trotz Angebots gegen eine formelle Anstellung aus Gründen der weniger flexiblen Arbeitszeit bzw. geringeren Verdienstmöglichkeiten.
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